Lebendigkeit hat kein Alter

von | Juni 27, 2026 | Blog

Vor kurzem hatte ich ein Shooting mit einer Schauspielerin, die gerade 77 Jahre alt geworden ist. Was mich an ihr so berührt und begeistert hat, war nicht einfach nur ihre Professionalität oder die Ruhe und Präsenz, die aus einem langen gelebten Leben entstehen. Es war etwas, das noch tiefer ging: eine fast unverschämte Lust am Spiel.

Sie konnte in einem Moment frech und leicht wirken, im nächsten zart, sinnlich und weich, und dann wieder lag in ihrem Blick eine Tiefe, die sich nicht herstellen lässt, weil sie nur aus Erfahrung wachsen kann. Genau diese Gleichzeitigkeit hat mich fasziniert. Nicht das Eindeutige interessiert mich an Menschen, sondern ihre innere Weite. Das, was nicht sauber in eine Schublade passt. Das, was sich einer schnellen Erklärung entzieht und gerade dadurch lebendig wird.

Lebendigkeit hat kein Alter

Vielleicht hat mich dieses Shooting auch deshalb so beschäftigt, weil es etwas sichtbar gemacht hat, das ich ohnehin schon lange glaube: Lebendigkeit hat mit Alter erstaunlich wenig zu tun. Viel weniger, als wir uns gesellschaftlich erzählen.

Personal Branding Fotografie München – Beate Kellmann

Das eigentliche Problem ist nicht das Alter, sondern was wir darüber glauben

Wir leben in einer Kultur, die Menschen mit den Jahren gern ordentlicher macht. Beherrschter. Angepasster. Weniger wild, weniger sinnlich, weniger übermütig. Als müsste man mit zunehmendem Alter automatisch leiser werden, gefälliger, vernünftiger, kontrollierter. Als sei Jugend der einzige Lebensabschnitt, in dem Neugier, Widerspruch, Übermut und Spielfreude wirklich vorgesehen sind.

Ich halte das für einen Irrtum.

Nicht, weil jeder Mensch im Alter gleich bleibt. Natürlich verändert sich ein Mensch. Der Körper verändert sich, die Erfahrungen verdichten sich, das Leben schreibt sich in ein Gesicht ein. Aber Lebendigkeit verschwindet nicht einfach mit den Jahren. Was viel häufiger verschwindet, ist die Erlaubnis, sie zu zeigen.

Und genau das finde ich traurig.

Denn viele Menschen altern nicht zuerst im Körper. Sie altern in ihrer inneren Beweglichkeit. Dort, wo sie anfangen, sich selbst enger zu machen. Dort, wo sie glauben, sie müssten nur noch funktionieren, statt sich überraschen zu lassen. Dort, wo sie aufhören zu spielen.

Das Gegenteil von Altern ist für mich deshalb nicht Jugend.

Es ist Spielfreude.

Warum der Satz „Sei einfach du selbst“ so oft danebenliegt

Vor unserem Shooting erzählte mir diese Schauspielerin, dass sie bei einer früheren Fotografin immer wieder denselben Satz gehört hatte: „Sei einfach du selbst.“

Was zunächst freundlich und einfühlsam klingt, kann in Wahrheit enormen Druck aufbauen. Genau das war bei ihr der Fall. Sie wurde dadurch unsicher und wusste irgendwann gar nicht mehr, wie sie sich eigentlich zeigen sollte.

Ich kann das gut verstehen.

Denn was soll das überhaupt heißen: man selbst sein? Welches Selbst ist denn gemeint? Das wilde, das elegante, das verletzliche, das humorvolle, das kontrollierte, das mutige? Der Teil, der verführen will? Der Teil, der beobachtet? Der Teil, der Schutz sucht? Oder derjenige, der sich hemmungslos ausprobieren möchte?

Gerade Künstlerinnen und Künstler, gerade Schauspielerinnen und Schauspieler, sind doch selten nur eine Sache. Sie tragen oft viele Seiten gleichzeitig in sich. Widersprüche, Spannungen, Brüche, Stimmungen, Wandlungsfähigkeit. Vielleicht macht gerade das sie so spannend. Vielleicht macht gerade das ihre Kunst aus.

Deshalb empfinde ich diesen Satz oft als hilflos. Er tut so, als sei Identität etwas Klarbeschriftetes, das man nur kurz aus dem Regal ziehen müsse. Dabei erleben sich die meisten Menschen, wenn sie ehrlich sind, vielschichtiger, wechselhafter, manchmal sogar widersprüchlich. Und genau darin liegt nichts Falsches. Im Gegenteil. Genau dort beginnt oft das Eigentliche.

Personal Branding Fotografie München – Beate Kellmann

Was Menschen vor der Kamera stattdessen brauchen

Was Menschen vor der Kamera wirklich hilft, ist aus meiner Sicht etwas ganz anderes als die Aufforderung, nun bitte besonders echt zu sein. Sie brauchen nicht noch mehr Anweisung. Sie brauchen einen Raum, in dem sich das Eigene zeigen darf, ohne sofort bewertet oder festgelegt zu werden.

Vertrauen spielt dabei eine große Rolle. Humor auch. Für mich ist Humor nie Nebensache. Er verbindet, löst Druck, macht weicher, macht durchlässiger. Er holt Menschen aus der Selbstbeobachtung heraus und wieder hinein in den Moment. Und genau dort beginnt etwas Interessantes. Nicht wenn jemand versucht, eine Wirkung zu produzieren, sondern wenn er sich im besten Sinn vergisst und ins Spiel kommt.

Ich führe in meinen Shootings sehr bewusst, aber ich drücke niemandem eine fertige Inszenierung über. Mich interessiert nicht die perfekte Oberfläche. Mich interessiert, was in einem Menschen an Ausdruck, Widerspruch, Wärme, Kraft und Spielfreude lebt. Ich beobachte sehr genau, nehme fein wahr und gehe in Resonanz mit dem, was da ist. Ohne vorschnelle Bewertung. Ohne dieses enge Korsett aus richtig und falsch. Natürlich lenke ich auch, besonders dann, wenn ich merke, dass jemand sich nur noch inszeniert oder in einem sicheren Bild von sich selbst festhängt. Aber mein Ziel ist nie die Pose. Mein Ziel ist das Lebendige.

Das innere Kind ist kein niedlicher Begriff, sondern eine Kraft

Wenn ich von dem inneren Kind spreche, meine ich nicht etwas Süßes oder Verniedlichtes. Ich meine diesen lebendigen, ungezähmten Teil in uns, der neugierig bleibt, der Lust am Ausprobieren hat, der staunen kann, der übertreibt, scheitert, lacht und es noch nicht nötig hat, alles vorher abzusichern.

Bei dieser Schauspielerin war genau das deutlich spürbar. Nicht kindlich im banalen Sinn, sondern jung im besten Sinn des Wortes. Offen. Frech. beweglich. Spielbereit. Und gleichzeitig war da diese ganze Erfahrung, diese Tiefe, diese Kraft im Blick, die nur aus gelebtem Leben entstehen kann. Gerade diese Verbindung hat die Bilder für mich so stark gemacht.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Künstlerinnen und Künstler oft so berühren. Bei vielen von ihnen ist dieser innere Spielmuskel noch wach. Nicht immer sofort sichtbar, manchmal gut versteckt, manchmal lange überlagert von Erwartungen, Selbstzweifeln oder Fremdbildern. Aber er ist da. Und wenn er wieder Platz bekommt, verändert sich alles. Der Körper wird freier. Der Blick wird wacher. Der Mensch wird wieder durchlässiger für sich selbst.

Bei anderen ist dieser innere Muskel mit den Jahren leiser geworden. Nicht, weil er verschwunden wäre, sondern weil er zu selten benutzt wurde. Weil das Leben, die Anforderungen, die Selbstbilder und das Funktionieren sich darübergelegt haben. Und doch glaube ich, dass in fast jedem Menschen viel mehr Wildheit, Wärme und Lust verborgen liegt, als man auf den ersten Blick sieht.

Personal Branding Fotografie München – Beate Kellmann

Was ein gutes Schauspielportrait für mich sichtbar machen sollte

Gerade in der Schauspielporträtfotografie wird oft sehr schnell festgelegt, in welche Richtung ein Mensch gelesen werden soll. Dramatisch. Ernst. Charakterstark. Kühl. Stark. Verletzlich. Natürlich braucht es Lesbarkeit, und natürlich dürfen Bilder klar sein. Aber ich finde es schade, wenn ein Mensch auf eine einzige Wirkung reduziert wird, obwohl gerade seine Spannungen und Gegensätze ihn interessant machen.

Die Schauspielerin, die ich fotografiert habe, war offenbar zuvor oft eher in einer dramatischen Richtung gesehen worden. Das gehört auch zu ihr, keine Frage. Aber eben nicht nur. In unseren Bildern war auch ihr Humor da, ihre Weichheit, ihre Sinnlichkeit, ihre Wärme, ihr Schalk, ihre ungebändigte Lust am Spiel. Und genau dadurch wurde sie für mich nicht diffuser, sondern wahrer.

Ein gutes Portrait muss für mich nicht alles erklären. Aber es sollte ahnen lassen, dass da mehr ist. Mehr als eine Rolle. Mehr als ein Etikett. Mehr als die offensichtliche Lesart.

Mich interessieren Bilder, in denen ein Mensch nicht geschniegelt und fertig definiert erscheint, sondern offen genug bleibt, um nachzuwirken.

Personal Branding Fotografie München – Beate Kellmann

Vielleicht geht es am Ende genau darum

Vielleicht geht es in meiner Arbeit letztlich immer wieder um dieselbe Frage: Was wird sichtbar, wenn ein Mensch aufhört, sich passend machen zu wollen?

Was kommt zum Vorschein, wenn der Druck nachlässt, wenn Humor den Raum öffnet, wenn Vertrauen da ist und wenn jemand für einen Moment nicht mehr nur funktioniert, sondern spielt?

Ich glaube, dann zeigt sich oft etwas sehr Echtes. Nicht, weil es einfach und eindeutig wäre, sondern gerade weil es widersprüchlich sein darf. Stark und weich. Würdevoll und wild. Erfahren und neugierig. Klar und überraschend.

Die Schauspielerin vor meiner Kamera hat mich daran erinnert, wie unerquicklich unsere Vorstellungen von Alter manchmal sind. Wie schnell wir Menschen ab einem bestimmten Lebensabschnitt stiller, harmloser oder berechenbarer denken. Und wie falsch das sein kann.

In ihr war nichts Harmloses. Nichts Abgeklärtes im müden Sinn. Da war Energie, Schalk, Tiefe, Sinnlichkeit, Mut und eine wunderbare Unverschämtheit des Lebendigseins.

Genau das liebe ich.

Und vielleicht ist das am Ende die viel spannendere Frage als jedes Geburtsdatum:

Trauen wir uns noch, lebendig zu sein?

Personal Branding Fotografie München – Beate Kellmann

Interesse? Fragen?

Lass uns quatschen – ganz entspannt.
Erzähl mir, was du brauchst, was du dir wünschst
und welche Wirkung du mit deinen Bildern erzielen möchtest.
Ich nehme mir Zeit, höre zu und begleite dich anschließend durch einen Prozess, der sich gut anfühlt und Bilder schafft, die wirklich zu dir passen.

Ein Portrait von der Fotografin beate kellmann vor grünem Sofa

„Unsichtbar war gestern.“

Kontakt:

Email

Telefon:

0176 984 60 800

Folge mir auf:

Datenschutz

Impressum

Cookie-Richtlinien (EU)